“Die morbide Schönheit des Tango”

Martin Nied
Heilbronner Stimme, 24.07.2006


Frau trägt wieder Fächer, zumal wenn es gilt, stilgerecht auf einem Tangoabend zu erscheinen. Vor allem, wenn es um konzertanten Tango geht, wie am Freitag in der Heilbronner Zigarre. Eine Stunde lang spielte das Cuarteto Rotterdam Tango aller Stilrichtungen aus den verschiedenen Stilepochen dieses argentinischen Exportschlagers – rein zum Zuhören.

Wenn der Tango nicht getanzt wird, darf er ein bisschen sperriger sein als sein getanzter Bruder. Dafür müssen die Musiker die Gefühle, die der Tanz auslösen kann, viel stärker in ihre Musik hineinpacken. Genau das verstehen die vier Studenten der Rotterdam Academy for World Music besonders gut.
Mit Werken von Eduardo Lettera bis Astor Piazzolla führen sie Ihren Zuhörern die ganze Welt des Tango vor. Menschen, die sich irgendwo in Buenos Aires ganz zufällig in einem Tangolokal begegnen, vielleicht miteinander reden. Ob sie der Tango für diese Nacht zusammenführt, bleibt offen. So spielen die Vier den Tango: von morbider Fragilität, in einem ständigen Schwebezustand zwischen Fröhlichkeit, Spannung und tiefer Melancholie. Zu keiner Sekunde weiß man, in welchen Gefühlszustand die Musik in der nächsten Sekunde driftet.

So bauen Judy Ruks (Piano), Frances Dorling (Bass), Michael Dolak (Bandoneon) und Susanne Cordula Welsch (Violine) kraftvoll und mit großem Ideenreichtum jene Stimmung bei ihrem Publikum auf, die sie nach der Pause nicht mehr auf den Stühlen hält. Jetzt ist die Zeit der Tat, die Luft ist lau, die Paare haben sich gefunden und tanzen Tango in die Nacht hinein.