“Cuarteto Rotterdam
- Yunta de Oro”


Jürgen Bieler Tangodanza
Nr. 1 2008


Ich sag's am besten gleich vorweg: Diese Aufnahmen sind mit Abstand das Beste und Interessanteste, was ich seit langen an Tangomusik gehört habe. Die "liner notes" zu dieser CD hat Gustavo Beytelmann, bekannt von seiner Arbeit mit Mosalini und mit seiner eigenen Tango-Formation, geschrieben. Darin stellt er fest, dass das Cuarteto Rotterdam etwas substantiell Wichtiges besitzt, nämlich einen ganz eigenen Klang. Das stimmt, aber es ist noch nicht alles. Susanne Cordula Welsch (Violine), Judy Ruks (Piano), Frances Dorling (Kontrabass) und Michael Dolak (Bandoneón) überzeugen über 17 Stücke hinweg mit schierer Kompetenz in Sachen Tango, tollen Arrangements und einem hohen Maß an künstlerischer Kreativität.

Die musikalische Spanne auf dieser CD reicht von Gardels Por una Cabeza über mehrere Werke von Piazzolla und zwei Di Sarlis bis hin zu einigen Puglieses. Aber die entsprechenden Stücke klingen nie wie Verbeugungen vor den Stilen der großen Meister, sondern eigenständig und frisch. Die Interpretationen transportieren das, was die drei Damen und der Mann am Bandoneón bei diesen Werken empfinden - und das, was ihnen künstlerisch dazu einfällt.

Begeistert haben mich daneben noch ganz andere Dinge, etwa das ungewohnt-eigenwillige Desde el Alma und die wundervolle Adaption von Nelegattis Milonga del Serafín. Den Gitarrenpart haben sie ganz aufs Klavier übertragen, und das mit großer Kunst. Man weiß nach dem Hören einfach nicht mehr, welche denn jetzt die originale Version war, die mit den Gitarren oder die hier mit dem Klavier. Welche schöner ist lässt sich eh nicht sagen.

Dann gibt es auf der CD etwas, was ich mal den "50th-Block" nennen möchte. Dazu gehören Letteras Atrapante und Divertida (Milonga), Julián Plazas Danzarín und Morena sowie Canaro en Paris. Stücke, die das Ensemble im Club-Sound der 50er- und 60er-Jahre serviert, mitreißend gespielt, perfekt aber lebendig, Troilo, Baffa/Berlingheri und Horacio Salgán grüßen herzlich. Bei Canaro en Paris wird das Cuarteto Rotterdam regelrecht übermütig, da intonieren sie den B-Teil als trockenes Fugato, um dann in der Schluss-Stretta regelrecht wegzufliegen - das hat Humor.

Ansonsten lässt sich bei dieser Formation kaum sagen, wo sie mit ihrer Musik besser hinpasst: in den Konzertsaal oder als Live-Act auf die Milonga. Das Cuarteto Rotterdam scheint da keine großen Unterschiede zu machen, ihre Musik ist einfach beides, Kunst und Tanzmusik. Auch das unterscheidet sie von einigen Kollegen. Irgendwie scheint in ihren Interpretationen immer irgend jemand aufs Tempo und den Beat aufzupassen - was die Musik erfreulicherweise über weite Strecken auch sehr tanzbar macht.