“Vergnügen und Schmerz”

Martina Binnig
Neue Osnabrücker Zeitung, 22.09.2007


Tango ist "in". Als Tanz genauso wie im Konzertsaal. Und Tango lässt sich sogar studieren: Die Musikhochschule im niederländischen Rotterdam bietet in ihrer Abteilung für Weltmusik einen eigenen Tango-Studiengang an. Dort haben sie sich kennengelernt: Der Bandoneon-Spieler Michael Dolak, die Geigerin Susanne Cordula Welsch, die Kontrabassistin Frances Dorling und die Pianistin Judy Ruks. Als "Cuarteto Rotterdam" touren sie seit drei Jahren durch die internationalen Konzertsäle und haben soeben ihre zweite CD veröffentlicht, die in einem Osnabrücker Tonstudio aufgenommen wurde.

"Deswegen freuen wir uns besonders, heute in Osnabrück im Blue Note spielen zu können", sagt Geigerin Welsch in ihrer Begrüßung. Bei dem Konzert im Rahmen des Festivals Musica Viva wird die Bassistin der festen Besetzung zwar von Adinda Meertins aus Den Haag vertreten, dennoch ist das Zusammenspiel der vier jungen Musiker vom ersten Moment an hervorragend. Das Besondere an ihrer Art, den Tango zu spielen, sind die ausgetüftelten Arrangements der traditionellen Stücke, so dass sogar der bekannte, um 1900 von Angel Villoldo komponierte "EI Choclo" wirkt, als höre man ihn zum ersten Mal.

Dabei klingt das Quartett keineswegs akademisch. Es musiziert im Gegenteil mit echter Leidenschaft und trifft den Tango-typischen Tonfall von Schwermut, Sehnsucht und Trotz sehr gut. Die drei Frauen sind ganz offenbar klassisch geschult und verfügen genauso wie Bandoneonspieler Dolak über eine stupende Spieltechnik. Ihr Tango wirkt daher weniger volkstümlich, sondern eher wie hoch expressive Kunstmusik. Ihr Konzertprogramm gleicht einem Streifzug durch die Geschichte des Tangos: Neben aller Melancholie gibt es besonders in den Stücken aus den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, der goldenen Tango-Epoche in Buenos Aires, immer wieder Einschübe vergnügter Tanzmusik. Für den größten Schmerz sorgen dagegen die Kompositionen Astor Piazzollas, in die das Quartett rhythmische Perkussionsgeräusche einbaut. Vornehm gezügeltes Temperament und augenzwinkernd dezente Schlüsse geben ihrer Spielweise ein ganz eigenes Profil. Und wer das "Cuarteto Rotterdam" im Blue Note verpasst hat, kann es noch einmal am 17. November im Piesberger Gesellschaftshaus hören.